Arbeit 4.0 – zurück in die Zukunft

Neoliberalismus-Flexibilität-Mobilität-Stress-Digitalisierung [RE 51]
Neoliberalismus-Flexibilität-Mobilität-Stress-Digitalisierung [RE 51]
Zeichnung: Bernd Bücking. entnommen aus: report 51, Seite 1

Wie wird die Arbeit der Zukunft aussehen? Diese Frage stellen sich viele Beschäftigte angesichts der Digitalisierung. Technik kann Arbeitnehmern zur Vorbereitung und Ausführung der Arbeit dienen – sie kann aber auch vorgegebene Arbeitsweisen aufzwingen. Entscheidend ist die Frage, ob die Maschinen für den Menschen entscheiden oder die Technik als Werkzeug genutzt wird, indem sie die Beschäftigten unterstützen.

In welche Richtung Unternehmen gehen, zeigt ein aktuelles Schlagwort: Workforce Management. „Das Ziel von umfassenden Workforce-Management-Lösungen ist es, Personalressourcen intelligenter und effizienter einzusetzen. Personalkosten werden durch die Vermeidung teurer Überstunden und Leerlaufzeiten reduziert und die Motivation der Mitarbeiter sowie die Zufriedenheit der Kunden erheblich verbessert“, erläutert Gunda Cassens-Röhring, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Organisationsberatung und Softwareentwicklung mbH.

Technisch unterstützte Personaleinsatzplanung soll die Beschäftigten steuern. „Ausgehend von Vergangenheitsdaten zur Prognose des künftigen Arbeitsvolumens wie Aufträge, zu produzierende Stückzahlen, Kassentransaktionen, prognostizierte Planumsätze, Calls oder Ergebnisse von Kundenfrequenz-Messungen entsteht ein Forecast, der die Basis für die Personaleinsatzplanung bildet“, Cassens-Röhring.

Mithilfe von Algorithmen soll der Arbeitsanfall und Kundenverhalten prognostiziert und stundentaktgenaue Vorgaben des Arbeitsvolumens ermittelt werden, um Personalkapazitäten und die Verteilung der Arbeitszeiten bis hin zur Lage der Pausen vorschreiben zu können. So sei das Ziel einer „genaue Berechnung des Bedarfs“ möglich. Die Beschäftigten müssen nur noch entsprechend eingesetzt werden. Die Software liefert einen „automatischen Personaleinsatzplanungsvorschlag“, mit Vorgaben zu den Pausen für Beschäftigte. „Der Ausgleich von Über- oder Unterdeckungen erfolgt auf Basis historischer, aktueller und zukünftiger Daten“. Die so gläsernen Arbeitnehmer können dann gesteuert werden.

Die Folge sind standardisierte Prozesse, d.h. die konkrete Vorgabe von Arbeitsschritten für Büroarbeitsplätze. „Routinetätigkeiten können und müssen standardisiert beziehungsweise automatisiert werden“, lautet die Vorgabe. Der Geschäftsprozess beginnt mit der Kundenanfrage und reicht bis zur Feststellung der Kundenzufriedenheit. Gemessen werden etwa die Bearbeitungsdauer, Gesprächsdauer, Wartezeiten oder Antwortzeiten. Auf dieser Basis werden die Prozesse ständig gemessen, standardisiert und durch Zeitvorgaben kontrolliert.

„Was die Effekte für Arbeit angeht, wird gerne behauptet, dass alles gut wird: Arbeit soll mit Industrie 4.0 altersgerechter werden, Industrie 4.0 soll kreative Jobs schaffen und repetitive ersetzen, Industrie 4.0 soll die Vereinbarkeit verbessern und so weiter“, beschreibt Sabine Pfeiffer, Soziologieprofessorin. „Dass die gleichen Technologien auch ebenso zu noch mehr Kontrolle, Entgrenzung und Rationalisierung führen können, ist naheliegend. Das proklamierte »Gute« ist kein Automatismus.“ (zitiert nach: Wetzel, Arbeit 4.0: Was Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen).

Das Beispiel „Workforce“ zeigt, wie sich Unternehmen die digitale Arbeit vorstellen.

Beschäftigte sind Anhängsel der Technik, werden von Software verplant und per Algorithmus kontrolliert. Dies knüpft an die Anfänge der „wissenschaftlichen Betriebsführung“ von F.W.Taylor an, der den Arbeitern der Ford-Werke sogar einzelne Handgriffe vorschrieb und genaue Zeitkontrollen einführte.

So erscheint das Neue, die moderne digitale Arbeitswelt sehr altmodisch – wenn Gegenwehr organisiert wird, also durch klare Gegenstrategien der Gewerkschaften die Gestaltung der Arbeit 4.0 im Sinne der Beschäftigten angegangen wird.