Varoufakis: Tsipras befürchtete einen Staatsstreich samt Standgericht

Yanis Varoufakis from Flickr
© 2015 Marc Lozano, Flickr | CC-BY-SA

In seinem neuen Buch schildert der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis „meine Schlacht mit Europas ´tiefem´ Establishment“. (Adults in the Room. London 2017. Erscheint im September in deutscher Übersetzung.) Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung zwischen der Syriza-Regierung in Athen und der Troika (EU, EZB, IMF), den „Institutionen“ der Kreditgeber, die den Schuldner Griechenland erstens per Sparauflagen gegenüber der eigenen Bevölkerung zur Schuldenbedienung zwingen und zweitens durch möglichst schroffe und sozial verheerende Auflagen andere Staaten und Völker zu demütiger Haltung gegenüber Direktiven der „Institutionen“ anhalten wollten. Der dramaturgische Höhepunkt der Schilderung Varoufakis‘ ist der 05. Juli 2015. An diesem Tag stimmten die Griechen in einem eigenen Referendum darüber ab, ob sie den Sparauflagen der Troika folgen wollen oder sich hinter die Oppositionshaltung der Syriza-Regierung stellen. 61,3 % der Wähler entschieden sich für das Nein von Syriza. Ein gewaltiger Triumph der Volksmassen gegen die arrogante und menschenverachtende Politik der Eliten des globalen Kapitals.

Noch in der Wahlnacht traf Varoufakis seinen Premier Tsipras, um die nächsten Schritte gegen die EU-Offensive zu beraten. Der Finanzminister war überzeugt, mit dem Referendum im Kreuz könnte Griechenland jetzt einen Schuldenschnitt durchdrücken und die Rückzahlungsfristen verlängern. Die Lasten für die Griechen könnten so entscheidend verringert werden. Tsipras war anderer Meinung. Sie können uns jetzt, sagte er, kurz nach dem Referendum politisch nichts anhaben. Aber sie können uns zerstören, und das werden sie tun. Als Varoufakis einwandte, man müsse jetzt den Kampf aufnehmen, wo die Chancen besser stünden denn je, entgegnete Tsipras, er erwarte ein „Gouti-Schicksal“ für alle, die jetzt auf der Linken weitermachten.

„Gouti“ bezog sich auf den Putsch der griechischen Armee und Marine gegen die Regierung 1922. Damals wurden sechs politische und militärische Führer standrechtlich erschossen. Nach der Schilderung von Varoufakis hat Tsipras aus Furcht vor einem ähnlichen terroristischen Verfahren den Widerstand gegen das EU-EZB-IMF-Diktat eingestellt und in der nächsten Zeit noch härtere Sparmaßnahmen durchgesetzt als es die vorherigen neoliberalen Regimes getan hatten.

Varoufakis´ Kommentar zu den Ereignissen dieser Nacht: „Wir haben heute Nacht das kuriose Phänomen erlebt, dass eine Regierung ihr eigenes Volk gestürzt hat.“