Fakt oder Fake? Das praktische Postfaktische

Immer, wenn den Machteliten und ihrem willigen Gefolge die Felle davon zu schwimmen drohen, erfinden sie einen Kampfbegriff, der ihre Gegner plätten und möglichst mundtot machen soll. Wer Putin nicht für den personifizierten Gottseibeiuns hält, sondern für einen autoritären Staatsmann, der innenpolitisch strikt autokratisch, nationalistisch und macho-patriarchal auftritt, nach außen jedoch bei allen unterstellbaren Machtambitionen erstaunlich besonnen und berechenbar agiert angesichts der vielen Provokationen, Sanktionen, Unterstellungen und Verfemungen durch den Westen, der hat gleich das einschlägige Etikett weg: „Putin-Versteher“.

Wer Israel, seine Regierung, die Kriegs- und Besatzungspolitik oder deren zugrunde liegende Staatsdoktrin, den Zionismus kritisiert, wird als „Antisemit“ denunziert, mindestens aber einer strukturellen, sekundären oder sonstwie bedingten „Israel-Hetze“ oder gar Judenfeindlichkeit geziehen, die das „Existenzrecht“ gefährde und daher der deutschen Staatsräson widerspreche. Als wäre jemand, der Deutschland oder dessen Bundesregierung oder den deutschen Nationalismus kritisiert, ein Deutschen-Feind oder mindestens Antideutscher, der sagt: „Deutschland, halt’s Maul!“ Letztere geben sich als hiesig Antinationale zur Verteidigung des jüdischen Nationalismus her. Noch verwirrender wird es, wenn israelkritische Juden von denen als „jüdische Selbsthasser“ beleidigt werden.

Natürlich gab es auch früher schon die Keulen „Vaterlandsverräter“, „Nestbeschmutzer“, „Terror-Sympathisanten“, die jemanden stigmatisieren oder politisch „erledigen“ sollten. An Schimpfnamen wie „Ratten“, „Schmeißfliegen“ oder „Sozialschmarotzern“ herrschte nie Mangel. Doch waren das alles nur hilflose Versuche gegen das, was nun aufgefahren wird: Wer auch nur die leiseste Vermutung hegt, dass etwas nicht ganz so stimmen könne wie die Herrschenden es gern dargestellt hätten, wird entweder einer „Verschwörungstheorie“ verdächtigt oder des „Postfaktischen“ bezichtigt. Der Begriff ist so nichtssagend wie praktisch umfassend anzuwenden. Noch richtet er sich hauptsächlich gegen rechts, kann aber prinzipiell auf alles und jedes gemünzt werden, was der offiziell verkündeten „Faktenlage“, der Regierungssicht oder dem Mainstream-Medien-Meinungsbrei widerspricht. Er unterstellt nicht einmal die bewusste Lüge, ist also auch nicht justiziabel und selbst keinem „Faktencheck“ zugänglich. Er besagt lediglich, dass es jemand wagt, die Meinung der „Mitte“, die Propaganda der Machteliten anzuzweifeln, einfach ohne Tatsachenbezug. Weil ihm Fakten ohnehin egal seien im verschrobenen Weltbild oder er sich schräge Gedanken mache zu den Widersprüchen zwischen den divergierenden Informationen, deren er sich bedient: Beispielsweise „Russia Today“, dem klassischen Widerpart im Medienkrieg um die Meinungshoheit, vor allem in Bezug auf Syrien und die Ukraine. Da tun sich Abgründe auf im Vergleich zur Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender. Nachdem man heute niemandem verbieten kann, heimlich BBC zu hören, muss man die aktuellen „Feindsender“ desavouieren. Das Internet wird vorsorglich flugs zur Schlangengrube deklariert, „RT“ als postfaktisch abgestempelt.

Nun gibt es wahrlich genügend üble Entwicklungen, denen es entgegen zu treten gilt: Dem Rechtsruck in Europa und in der Türkei, dem Treiben von Faschisten und Dschihadisten in der Ukraine, in Syrien, in der Türkei; dazu kommen Brexit und Trump. Alles grausig, und findet auch im Internet statt. Weitgehend undurchschaubar, ja unheimlich, was sich da Fieses tummelt: Algorithmen, Hacker, Trolls, Bots! Das World Wide Web wird infiltriert und instrumentalisiert von … na wem wohl? Von unsichtbaren Händen! Von chinesischen? Von russischen? Hier darf man gern ungestraft herumschwadronieren und sich dann aber bitte schnell wieder einigen.

Putin ist an allem schuld. An Aleppo, an der Ukraine, letztlich am Weltklima. Ein Wunder, dass Wirbelstürme noch nicht nach ihm benannt werden. Putin hat den Wahlkampf in den USA beeinflusst und wird auch die Bundestagswahl manipulieren, heißt es ganz ernsthaft aus Falkenkreisen. Seine professionellen Trolls, seine subversiven Fernsehsender und vor allem seine willigen „Versteher“ hierzulande, die einfach nicht mehr jede subtile Nachrichten-Lüge oder skandalöse Informations-Unterlassung hinnehmen wollen. Die Ungläubigen bekamen dafür dieses „Wort des Jahres“ gewidmet: Postfaktisch. Das bedeutet nicht, dass man von DHL tatsächlich mal ein Paket bekommen hat, sondern dass man sich angeblich nicht an Fakten hielte, womöglich einer vorgefassten, schlimmer noch eigenen Meinung anhinge, die man wie in einem „Echoraum“ selbstredundant verstärke. Das geht gar nicht unter Freunden!

Seriöse Meinungsbildung hat hierzulande in der Hand von zuverlässigen Parteien, der offiziellen Medien und des autorisierten Regierungssprechers zu liegen. Wenn nach der Evakuierung von Ost-Aleppo mehrere Dutzend westlicher Militärs in trauter Eintracht mit solchen aus Saudi-Arabien, Israel und der Türkei gefangen genommen werden, die dort ein Hauptquartier zur Steuerung der Geiselnahme von hunderttausend Zivilisten durch Nusra-Dschihadisten über Monate betrieben, dann kommt das in den Nachrichten einfach nicht vor. Weil es nicht in den Kram passt. Dabei kam zupass, dass gleichzeitig der russische Botschafter in der Türkei erschossen und in Berlin der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz angegriffen wurde. Da war einfach keine Zeit mehr für die höchst brisante Enttarnung in Syrien. Die NATO-Staaten als Terror-Komplizen, das hätte den Adventsfrieden empfindlich gestört. Wie sollte sich das betroffene Publikum noch ehrlich empören über die antiweihnachtliche Ruchlosigkeit, wenn vor der UNO die Namenslisten der Inhaftierten übergeben werden von einem Botschafter jener syrischen Regierung, die man ja presseamtlich weg haben will?!

Das Geschäft mit den Fakten ist ein knallhartes, und so gewinnt der Kampfbegriff des „Postfaktischen“ an Schlagkraft. Peinlich ist nur, dass der Begriff zuerst 2004 auftauchte, nämlich zur Brandmarkung der Kriegslügen, mit denen die „Koalition der Willigen“ über den Irak herfiel, also jener, die das flächenbrandgefährliche Militärdebakel geradezu herbei gebetet hatten, welches am blutigen Ende den Islamischen Staat hervorbrachte. Merkel war eine von denen, die am liebsten auch offiziell dabei gewesen wären, um die nicht existenten Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins zu suchen, wohl wissend, dass es sie nicht gab. Nun werfen die wütenden Kriegsapologeten die kontaminierte Keule zurück auf all jene, die nicht mehr blind und taub hinter ihnen hermarschieren wollen.

Ach, wie waren sie doch gemütlich, die prae-postfaktischen Zeiten, als noch alles geglaubt wurde, was in der Zeitung stand und von den Kanzeln gepredigt wurde! Es waren reine Fakten, die pure Wahrheit, offensichtliche und unumstößliche Tatsachen: Dass „der Russe binnen 48 Stunden am Rhein“ stünde, galt als logisch. Dass „die Juden unsern Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen“ haben, war unter Christen Allgemeingut. Dass es, wenn schon, die römische Besatzungsmacht war, spielte dabei keine Rolle. Heute lügt man sich lieber eine jüdisch-christliche Traditionslinie zurecht, die sich freilich nur in regelmäßig geschürten Pogromen darstellt.

Die „gelbe Gefahr“ war in aller Munde, die Verderbtheit der Sowjets wahlweise jenseits der Elbe, der Oder oder doch erst hinter der Memel zeigte sich offenkundig in den bayerischen Schulatlanten: Ohne sowjetisch oder polnisch besetzte „deutsche Ostgebiete“ ging es da nicht ab. Bis 1990 nicht. Stattdessen war klar, dass der freundliche Ami (französisch: Ami) unser selbstloser Freund war, der den kommunistischen Vietkong (welcher noch schlimmer erschien als King Kong, bevor sich der am Empire State Building hochhangelte) in den Dschungel stampfte. Auf dass die Domino-Steine nicht reihenweise umfielen! Erwachsene Menschen glaubten an die „unsichtbare Hand des Marktes“, die alles zum Guten wendet und nichts Böses vermag, wo sie doch nur objektiv wirke. Nie wäre jemand von den Bankenchefs auf die Idee gekommen, das als „postfaktisch“ abzutun, was 2008 an der Börse krachte. Obwohl es ja nur virtuelle Zahlen auf den Computer-Bildschirmen waren. Die Beinahe-Pleiten waren reell, und die Rettungsgelder real.

Auch eine über den Kopf gehaltene Aktenmappe konnte einen notfalls den Atomkrieg überleben lassen, wenn man nur rechtzeitig in einer Raumecke unter den Tisch gekrabbelt die Augen fest geschlossen hielte. Noch in jüngster Zeit galt der Werbespruch der „Bunten für Männer“ als markiges Wort: Bloß noch „Fakten, Fakten, Fakten“. Das „und immer an die Leser denken“ war Helmut Markworts fokussierte Wortmarke, mit der er Glaubwürdigkeit suggerieren wollte. Von diversen „Ehrenworten“ politischer Größen nicht zu reden: Nicht die freche Lüge ist neu, sondern dass immer weniger Menschen bereit sind, sie als glaubwürdig abzukaufen.

Jedenfalls nicht von den Etablierten. Eher noch von Scharlatanen, die kein Gewese darum machen, ob ihr Geseiere als Fakt oder Fake zu verstehen sei. Soweit ist es gekommen, dass von den Anti-Postfaktischen unumstößliche Tatsachen ignoriert, beschönigt und verharmlost werden, nur um zu verhindern, dass „Teile dieser Information die Öffentlichkeit verunsichern“ könnten, ohne dass jemand ernsthaft den Geisteszustand des Innenministers anzweifelt. Oder dass Trumps Gruselkabinett nun plötzlich nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen werden soll: Wo hemdsärmelige Militärs und hirnärmliche Monopolmagnaten den unmittelbaren Zugriff auf die Staatsgeschäfte vorbereiten, wo die Oligarchen kurzerhand höchstselbst die Regierung übernehmen, da erinnern sich einige vielleicht an Lenin, der in den Zwanzigern des zwanzigsten Jahrhunderts vom Imperialismus als höchstem Stadium des Kapitalismus geschrieben hat, was kapitaltreue Fakten-Fans natürlich rundum als kommunistische Verschwörungstheorie abtaten. Nun wird es offensichtlich, dass es sich, wenn schon, dann um eine kapitalistische Verschwörung handelt. Zumindest um eine trübe Tatsache. Dabei zelebrieren sie ihren Selbstbedienungs-Coup am Staatsapparat ganz offen, weder klandestin noch verklausuliert. Die Post ist faktisch abgefahren. Mal sehen, wo sie ankommt im neuen Jahr. Und wann uns das nächste Päckchen um die Ohren fliegt.