Die Verflechtungen von Leitmedien, Politik und Wirtschaft

An der Entstehung der aktuell viel diskutierten  Studie  „Neue Macht – Neue Verantwortung“, einer  gemeinsamen Initiative des German Marshall  Fund of the United States und der Stiftung  Wissenschaft und Politik, gefördert durch den Planungsstab des Auswärtigen Amts, Ende des  Jahres 2013 erschienen, haben auch zwei Leitmedien-Journalisten teil genommen: Dr. Jochen  Bittner (Die Zeit) und Dr. Nikolas Busse (F.A.Z.).

Am 25.2.2014 schrieb Dr. Busse in FAZ-Net unter der Überschrift:   „Umbruch in der Ukraine Nato fürchtet neuen Krisenherd in Europa“:

„(…) Fast die Hälfte der russische n Gasexporte nach Europa fließt  durch die Pipelines der Ukraine;  Rumänien, Bulgarien und Griechenland werden nur über diese Route versorgt. Die Leitungen liegen  unter der Erde, könnten im Fall kriegerischer  Auseinandersetzungen aber trotzdem Ziel von  Sabotageakten werden. (…).“

Dr. Busse weist noch auf sehr viel weitergehende Gefahren hin:   „(…) Ein höchst gefährliches Szenario wäre eine militärische Intervention Russlands, etwa zur  ‚Befreiung‘ der Krim. Nach der Erfahrung mit dem  russischen Eingreifen in Georgien, schon damals  zum Schutz ‚russischer Bürger‘, schließt man  solche Aktionen bei der Nato nicht mehr von  vornherein aus. Die Militärs haben inzwischen  sogar wieder Pläne für eine Verteidigung des  Bündnisgebiets gegen Russland ausgearbeitet. Die Ukraine grenzt an vier Nato-Staaten (Polen,  Ungarn, die Slowakei und Rumänien), die durch die Anwesenheit russischer Truppen in ihrem  Nachbarland höchst beunruhigt sein dürften. Sie  könnten in so einem Fall verlangen, dass ihre  Grenzen vom Bündnis gesichert werden.

Als Zugeständnis an Moskau sind nämlich bis heute keine Truppen der Nato auf dem Territorium  der osteuropäischen Verbündeten stationiert worden.  Solche Anfragen würden sich nicht nur an die  Bündnisvormacht Amerika richten, sondern vermutlich auch an Deutschland, das nahe liegt und  sich politisch oft als Fürsprecher Osteuropas versteht.“ Während die US-Regierung ihre Truppen in Europa reduziert und ihr militärisches Gewicht in  Asien gegen die dortigen Konkurrenten verstärkt, soll nach dem Willen der US-dominierten NATO die EU in Europa und Afrika verstärkt militärische Aufgaben übernehmen – und Deutschland sich  entsprechend engagieren.

Dr. Jochen Bittner hat am 4.11.2013 in der New York Times den Paradigmenwechsel hin zu einer  stärker militärisch gestützten deutschen Außenpolitik für die internationale Öffentlichkeit mit dem  Artikel  „Rethinking German Pacifism“ eingeleitet.  Sein Beitrag begann mit dem Satz:  „Würde das  Deutschland von heute das Deutschland von 1944 befreien helfen? Sie müssen nicht Angela  Merkels Telefon abhören, um die Antwort zu finden: Sie ist Nein.“ (Übersetzung: C.R.).  Hans-Christoph von Sponeck, ehemaliger UN-Koordinator in Irak und ehemaliger Beigeordneter  des UN-Generalsekretärs, Dr. Peter Strutynski,  Friedensforscher und Sprecher des Kasseler  Friedensratschlages und der Autor dieser Buchvorstellung haben gemeinsam eine Entgegnung zu  dem von Dr. Bittner geschriebenen Essay verfasst . Die New York Times lehnte den Abdruck ab.  Der US-Zweig des Internationalen Versöhnungsbunde s veröffentlichte ihn auf seiner Homepage.  Die Mitwirkung von Dr. Nikolas Busse und Dr. Jochen Bittner an der Studie  „Neue Macht – Neue  Verantwortung“ sowie ihre jeweiligen Artikel, die sie seither verfasst haben, werfen Fragen  insgesamt zum Verhältnis von Politik und Journalismus auf, denen Dr. Uwe Krüger in seiner  Dissertation nachgegangen ist.

Zum Autor und seiner Dissertation  

Dr. Uwe Krüger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und  Medienwissenschaft der Universität Leipzig.  Er promovierte am Institut für Praktische  Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig mit der Arbeit  „Meinungsmacht. Der  Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalismus – eine kritische Netzwerkanalayse.“

Zur Verstrickung von Leitmedien, Politik und Wirtschaft  

Auf Seite 23 schreibt der Autor:   „Der Rechercheur Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung konstatiert, es gebe ‚immer  öfter komplizenhafte Verstrickungen zwischen Wirtschaftsführern, Politikern, Werbeindustrie und  Journalisten‘ (Leyendecker 2004: 172). Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister kommt zu der  Schlussfolgerung, dass sich eine ‚geschlossene Gesellschaft‘ herausgebildet habe“ (Hachmeister  2007: 87).

Die Verstrickungen zwischen Politik und Leitmedien macht Uwe Krüger an folgendem  Beispiel deutlich:  

 „Der Wohnzimmerkreis ist der wohl intimste aller  Berliner Hintergrundkreise. Seine Mitgliederzahl  ist auf zehn Journalisten begrenzt; im Rotationsverfahren lädt jeweils eines der Mitglieder einen  Spitzenpolitiker und die anderen Journalisten zu sich nach Hause ein und bekocht die Runde.  (BÖTHLING 2008: 47) Der Turnus ist monatlich, und die Politiker kommen offenbar gern: ‚ob  Merkel, Steinmeier, Müntefering,  Steinbrück, Schäuble und so weiter und so fort: Sie alle wurden  meist mehrmals in den Wohnstuben der Journalist en bewirtet und lernten ihre Familien kennen.‘  (WEICHERT/KRAMP 2010: 168)  Den Kreis gegründet hat 1997 Günter Bannas (Ressortleiter Berlin der Frankfurter Allgemeinen  Zeitung, Anm.: C.R.) selbst zusammen mit einem ZDF-Korrespondenten, weil ihm ‚die  Journalistenkreise, in denen er verkehrte, zu groß und unübersichtlich wurden‘ (BÖTHLING 2008:  47). (S. 313)“.

Die Verstrickungen zwischen Leitmedien, Wirtschaft und Politik verdeutlicht der Autor an  folgenden Beispielen:  

 „Als hoch problematisch erscheinen  erstens die direkten Verbindungen zur  Wirtschaft, genauer die Beratertätigkeit von  Chefredakteuren und Herausgebern für gewinn- orientierte Konzerne: Josef Joffe (Zeit) als Beirat der HypoVereinsbank sowie  Stefan Aust (Spiegel)  und Helmut Markwort (Focus) als Beiräte de r Deutschen Telekom AG. Zweitens muss die  Einbindung von Journalisten  in eine Organisation der Bundesregierung kritisch gesehen werden,  namentlich Klaus-Dieter Frankenberger (FAZ), Stefan Kornelius (SZ) und Peter Frey (ZDF) als  Beiräte der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, eines Think Tanks im Geschäftsbereich des  Bundesverteidigungsministeriums. Der Beirat berät laut Akademie-Satzung das Kuratorium, das  wiederum aus der Bundeskanzlerin sowie den Bundesministern der Verteidigung, des Inneren, des  Auswärtigen, der Finanzen, der Justiz, für Wirtschaft und für Entwicklungshilfe besteht. Die drei  Journalisten verpflichteten sich somit, jene Bundesregierung zu beraten, di e sie doch eigentlich als  Anwälte der Öffentlichkeit kritisieren und kontrollieren sollen. (S. 148)“.

Militärischer Druck der USA/Na to – Kriegsunwillige Bevölkerung

Der Autor kommt zu folgendem Zwischenfazit:   „Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass sich die deutsche Politik in einem ‚Korsett von  Innen- und Bündnispolitik‘ (G IESSMANN/WAGNER 2009: 6) bzw. einer unbequemen Sandwich- Position befindet: Von ‚oben‘ macht die Nato mit der Führungsmacht USA Druck, dass Deutschland  bei Kampfeinsätzen seinen Beitrag leisten solle, auch dann, wenn  keine akuten deutschen Sicherheitsinteressen vorliegen; von ‚unten‘ behindert ein Wahlvolk, das di e Bundeswehr am liebsten als  Landesverteidiger und Katastrophenhelfer sieht.  Hinzu kommt, dass das Grundgesetz (entsprechend  dem Zeitgeist der unmittelbaren Nachkriegszeit) die  deutsche Politik auf den Frieden verpflichtet  und ein klassisches, enges Verständnis der Begriffe ‚Sicherheit‘ und ‚Verteidigung‘ aufweist.“  (S. 154f.)  Uwe Krüger formuliert in Kapitel 6.2.1. einige Hypothesen, die seit dem Abschluss der Recherchen  zu seiner Promotion im Mai 2011 und vor de m Hintergrund der Studie  „Neue Macht – Neue  Verantwortung“ noch größere Aktualität bekommen haben:

Einleitend zu diesen Thesen schreibt der Autor:

 „(…) Zwar wurde in Kapitel 6.1.1 dargestellt, dass  die politische Elite als Ganzes eher wenig Elan  für Überzeugungsarbeit bei den Bürgern aufbringt und Bundespräsident Köhler und Verteidigungsminister zu Guttenberg im Jahr 2010 hier die Rolle von Vorkämpfern an der Meinungsfront  eingenommen haben – aber auch deren Vortasten ist durch die Medien gegangen.

Daher ist zu vermuten, dass die vier Journalisten Kornelius, Frankenberger, Stürmer und Joffe in  dem in Kap. 6.1.1 beschriebenen Sandwich Nato /USA – Bundesregierung/Bundestag – deutsche  Bevölkerung eine Position zwischen Nato/USA und Bundesregierung/Bundestag einnehmen. Die  Argumente in ihrem journalistischen Output dürften eine größere  Nähe zu denen der Nato und der  US-Regierung haben als zu Positionen, die aus  Bevölkerungsumfragen und kritischen Beiträgen  zum erweiterten Sicherheitsbegriff und zu Bundeswehrauslandseinsätzen bekannt sind. Wenn Kritik  an der Bundesregierung oder der  deutschen Politik geübt wird,  dann aus der Perspektive von USA  und Nato, nicht aus einer militärskeptischen Perspektive.

Im Folgenden werden neun Hypothesen vorgestellt, die sich aus den oben beschriebenen  Sachverhalten ableiten:

  • H 1: Der Sicherheitsbegriff wird von den vier Journalisten nicht im engen Sinne von ‚Schutz der  territorialen Außengrenzen‘ verwendet, sondern im erweiterten Sinn, d. h.,  er umfasst auch den  Schutz deutscher Interessen in Sachen Rohstoffe, Energie, Kommunikationsinfrastruktur,  Handelswege und Wohlstand. Dieser Begriff wird nicht  kritisch hinterfragt.
  • H 2: Die Bedrohungen durch Terrorismus, Regionalkonflikte, Migration, Ressourcenverknappung  usw. werden häufig erwähnt und ihre Neuartigkeit  wird betont.
  • H 3: Es wird häufig erwähnt, dass Deutschland gegen diese Bedrohungen aktiv  vorgehen muss, sich  verteidigen bzw. schützen muss,  auch mit militärischen Mitteln.
  • H 4: Die ablehnende bzw. gespaltene Haltung der deutschen Bevölkerung zu  Auslandseinsätzen der  Bundeswehr wird nicht erwähnt oder negativ interpretiert: als Zeugnis von Ignoranz gegenüber den  realen Bedrohungen, als Mutlosigkeit und Verzagtheit, als Verantwortungslosigkeit gegenüber  anderen Staaten, als mangelnde Solidarität mit Bündnispartnern.
  • H 5: Tote, verwundete und traumatisierte deutsche Soldaten werden relativiert bzw. als notwendig  zu zahlender Preis für wich tigere Werte dargestellt.
  • H 6: Die Friedensnorm des Grundgesetzes, das internationale Gewaltverbot  des Völkerrechts und  das formelle Gewaltmonopol des UN-Sicherheitsrates werden nicht erwähnt oder als Relikte einer  alten Zeit bezeichnet; als zentrale Norm für das sicherheitspolitische Handeln Deutschlands wird  nicht der Frieden, sondern das nationale Interesse angeführt.
  • H 7: Die Vorteile der Nato und der strategischen Partnerschaft mit den USA werden häufig erwähnt, ebenso die Vorteile, die Deutschland durch Bündnissolidarität hat. Nachteile, etwa dass Deutschland in fremde Konflikte hineingezogen werden kann, werden nicht erwähnt.
  • H 8: Die Ursachen von Krisen werden immer woanders bzw. bei anderen gesucht: der eigene Beitrag zum Unfrieden (den Beitrag Deutschlands, der Nato, der USA) wird nicht diskutiert. Ebenso werden die Rückwirkungen des eigenen Handelns auf die Bedrohungen nicht thematisiert, etwa dass Deutschland durch seinen Beitrag im Kampf gegen den Terrorismus selbst verstärkt zum Ziel von Terroristen werden kann.
  • H 9: Andere Journalisten gehen anders und kritischer mit der Thematik um; insbesondere Journalisten solcher Medien, die in puncto Eigentümerschaft, Werbekundschaft, Zielpublikum und hauptsächliche Quellen (vgl. Kap. 3.7) weniger Elitenbezüge aufweisen als SZ, FAZ, Welt und Zeit und die keine personellen Verbindungen zu Strukturen von Bundesregierung, Nato und USA aufweisen. (S. 165-167).“

Uwe Krüger bilanziert:  „Diese Fallstudie hat gezeigt, dass die Elitennetzwerke von Stefan Kornelius (SZ), Klaus-Dieter Frankenberger (FAZ), Michael Stürmer (Welt) und Josef Joffe (Zeit) im US- und Nato-geprägten Milieu eine Koinzidenz in ihrem journalistischen Output aufwiesen. Die Journalisten argumentierten im Sinne der außen- und sicherheitspolitischen Agenda dieser Akteure, indem sie einen erweiterten Sicherheitsbegriff verwendeten, häufig an den Katalog der Bedrohungen aus den amtlichen Dokumenten erinnerten, die deutsche Regierung zu mehr militärischem Engagement in der Nato und zur Pflege der transatlantischen Partnerschaft mahnten und zur Durchsetzung dieser Politik verstärkte Überzeugungsarbeit am Wahlvolk empfahlen. Ihr Bild von Bedrohungen und Konflikten war ebenso eindimensional und nicht reflexiv wie das in den offiziellen Doktrinen. Stellenweise verwendeten v. a. Kornelius und Joffe Propagandatechniken, wobei offenbleiben muss, ob sie dies bewusst oder unbewusst taten. Die Argumentation der vier Journalisten ist zusammenfassend als unkritisch bis persuasiv (überredend, Anm.: C.R.) zu qualifizieren; Gegenargumente zum offiziellen Diskurs wurden kaum diskutiert.

In der Frankfurter Rundschau und der taz, die zu Kontrollzwecken untersucht wurden und die keine Netzwerke im Elitenmilieu aufwiesen, fand sich weder eine Entsprechung noch ein adäquates Gegengewicht zum konsonanten Meinungsbild der vier Journalisten; dies spricht einerseits dafür, dass die Netzwerke eine Bedeutung haben, andererseits auch dafür, dass bei der Beurteilung der behandelten Themen (Auslandseinsätze der Bundeswehr und ‚erweiterter Sicherheitsbegriff‘) im linken und elitenferneren Zeitungsspektrum erhebliche Verunsicherung herrscht. In den Fragen, wie weit Sicherheit und Verteidigung definiert werden sollten und wie mit der diesbezüglichen Kluft zwischen Elite und Bevölkerung umgegangen werden sollte, hatte das Quartett Kornelius, Frankenberger, Joffe und Stürmer im Untersuchungszeitraum jedenfalls die Meinungsführerschaft (S. 220).“

Münchner Sicherheitskonferenz und Internationale MünchnerFriedenskonferenz Ausführlich geht Uwe Krüger auf die Münchner Sicherheitskonferenz ein, zu der das genannte Journalisten-Quartett seit vielen Jahren eingeladen wird, ebenso auf die weitgehende Nicht- Berichterstattung in den Leitmedien über die Internationale Münchner Friedenskonferenz, bei der der Autor dieser Buchvorstellung als Moderator mitwirkt, und die seit 2003 zivile Alternativkonzepte zum Sicherheitsbegriff der Münchner Sicherheitskonferenz vorstellt:

„Der Friedenskonferenz beratend zur Seite steht ein fünfköpfiges Kuratorium mit dem Physiker Hans-Peter Dürr (Träger des Alternativen Nobelpreises), dem ehemaligen UN- Koordinator für den 5 Irak, Hans-Christof von Sponeck, dem Publizisten Franz Alt, dem ehemaligen Münchner Bürgermeister Klaus Hahnzog (auch Mitglied des bayerischen Verfassungsgerichtshofs) und dem Liedermacher Konstantin Wecker. An den Diskussionen beteiligten sich in den letzten Jahren vor allem Wissenschaftler, Fachleute für zivile Konfliktbearbeitung, Vertreter von sozialen Bewegungen und Journalisten, etwa Friedensforscher und Konfliktvermittler Johan Galtung (2007), Jakob von Uexküll, Gründer des Alternativen Nobelpreises und des World Future Council (2009), und Cynthia McKinney, ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin der Grünen (2010). Die Vorträge und Diskussionen wurden jeweils in Broschüren dokumentiert, die auch online einsehbar sind (https://friedenskonferenz.info). Mit einem Grußwort trat jährlich der 3. Bürgermeister der Stadt München, Hep Monatzeder (Grüne) auf; laut Monatzeder bildet die Friedenskonferenz ‚mit ihren offenen Foren zum Dialog und zur Diskussion (… ) nicht nur ein bedeutendes, sondern auch unverzichtbares Gegengewicht zur Münchner Sicherheitskonferenz‘.“

Die Kritik der Friedenskonferenz an der MSC (Münchner Sicherheitskonferenz, Anm.: C.R.) besteht zusammengefasst darin, dass sie dem ‚Grundvertrauen in Militär und Rüstung‘ ein ‚Grundvertrauen in Gewaltfreiheit und Verständigung‘ (so Thomas Mohr in BECKER 2009) entgegensetzt sowie die Überzeugung, dass Sicherheit ’nicht gegeneinander, nur miteinander erreicht werden‘ kann (ebd.). Exemplarisch sei hier aus einem Vortrag des Friedensforschers Johan Galtung auf der Friedenskonferenz 2007 zitiert, der den offiziellen ‚Sicherheitsdiskurs‘ mit einem alternativen ‚Konflikt-Friede-Diskurs‘ kontrastiert. Der ‚Sicherheitsdiskurs‘ geht von der Prämisse aus, die Ursache von Gewalt liege in den Eigenschaften der Gewalttäter, und laufe nach folgendem Muster ab:

  • ‚These 1: es gibt irgendwo auf der Erde etwas Böses, etwas sehr Böses.
  • These 2: das Böse ist gewalttätig. Und warum denn? Nicht, weil es einen Grund dafür hat, sondern ganz einfach, weil es böse ist. Könnte sein aus Neid, weil es andere hasst, die mehr Erfolg haben.
  • These 3: die gute Nachricht: es gibt eine Möglichkeit, man muss stark und entschlossen sein. Und wenn man das ist, kommen zwei Früchte.
  • Nr.1: das Böse wagt es nicht, und
  • Nr. 2: wenn es doch wagt, gibt es die Möglichkeit, es auszurotten, zu töten. These 4: die wirklich frohe Botschaft: damit kriegt man etwas, und das etwas [sic!] heißt ‚Sicherheit‘ (GALTUNG 2007: 9).

Diese Sicht sei ‚paranoid, einfach autistisch, nicht reziprok‘ (ebd.), d. h. nicht reflexiv im Sinne von Jaberg (2010: 38; vgl. Kap. 6.1.3). Der alternative ‚Konflikt-Friede-Diskurs‘ gehe stattdessen davon aus, dass Gewalt nicht aus Eigenschaften von Akteuren resultiert, sondern aus einem Konflikt in einer Beziehung zwischen Akteuren, der Ursachen hat und damit potenziell auch Lösungsmöglichkeiten. ‚Wenn diese Lösung auf eine egalitäre Weise vor sich geht, sodass alle Parteien dort dabei sind, die Stimmen gehört sind und es gibt etwas, das für alle annehmbar ist – nicht perfekt, aber annehmbar -, dann kriegt man ein Geschenk und dieses Geschenk heißt Friede‘ (GALTUNG 2007: 9f.) (S. 229f).“

Anforderungen an einen unabhängigen Journalismus

Uwe Krüger gibt am Ende seines Buches einige Hinweise, wie die gegenwärtige Situation der engen Verflechtung von Leitmedien und Politik bzw. Wirtschaft überwunden werden könnte:  „Der Journalist soll mit unverstelltem Blick beobachten und unabhängig von den Interessen der Steuermänner und Kapitäne aus Politik und Wirtschaft berichten und analysieren – im Interesse des ganzen Schiffs.

Wenn nun die Befunde dieser Studie auf eine Einbindung von Journalisten im Elitenmilieu und auf fehlende Kritik und Kontrolle hindeuten (auch wenn Ursache und Wirkung nicht klar benannt werden können), dann legt das nahe, einen Sicherheitsabstand zwischen Journalisten und Eliten zu definieren und zu normieren. Dieser Abstand müsste in einer offenen Debatte gefunden werden, einer nicht nur brancheninternen, sondern einer, die auch interessierte Teile der Zivilgesellschaft einbezieht, denn es geht letztlich um die journalistische Funktions- und Leistungserfüllung für die Gesellschaft. In dieser Arbeit wird die Auffassung vertreten, dass Journalisten – zumal leitende – 6 keine Aufgaben in Beiräten, Kuratorien und vor allem in vertraulichen Politikplanungskörperschaften wahrnehmen sollten, wenn diese Tätigkeiten thematische oder personelle Berührungspunkte mit ihrem Berichterstattungsfeld haben. Konkret bedeutet dies, dass sich ein Außenpolitikressortleiter zwar ehrenamtlich im Bürgerverein seines Stadtviertels für die Verschönerung seines Wohnumfeldes engagieren dürfte, aber nicht in einem Elitenverein zur Förderung der transatlantischen Beziehungen. Für Chefredakteure müsste, da sie die Gesamtverantwortung für die Berichterstattung ihres Mediums haben, die Abstinenz noch weiter reichen. Als Orientierung könnte die Regelung aus dem Code of Conduct der New York Times (siehe Kap. 5.4) dienen.

Ist in einer Debatte eine Grenzmarkierung gefunden, müsste sie in den Pressekodex des Deutschen Presserats und in andere Kodizes aufgenommen werden, die allesamt noch keine Aussagen zu diesen Fragen treffen (wie in Kap. 5.4 dargestellt). Auch in der journalistischen Aus- und Weiterbildung müssten diese Grenzen behandelt und diskutiert werden.

Wenn der Journalismus auf diese Weise seinen Abstand zu den einflussreichsten Akteuren des aktuellen Geschehens vergrößert, wird er sich vielleicht von der Vorstellung verabschieden müssen, stets die neuesten Frontverschiebungen im Elitendiskurs vermelden zu können und die heißesten Indiskretionen aus dem Zentrum der Macht zugetragen zu bekommen. Aber sein Publikum würde es ihm wahrscheinlich danken, wenn er statt hochrangiger, aber aussageschwacher Interviewpartner einen unbequemen, eigenständigen und im besten Sinne kritischen Diskurs bietet. Denn das wäre ein wirklicher Elite-Journalismus: keiner, der im Kraftfeld der Politik- und Wirtschaftseliten gefangen ist, sondern einer, der mehr sieht als diese und von dem auch deren Diskurs profitieren kann (S. 264).“

Dem Autor gebührt Dank für seine Fleißarbeit, die Netzwerke und Verflechtungen zwischen Leitmedien, Politik und Wirtschaft in einem Ausmaß deutlich machen, wie dies selten zuvor in anderen Publikationen gelungen ist. Kritisch anzumerken ist, dass die Mitgliedschaft der untersuchten Journalisten in den jeweiligen Organisationen noch wenig über den Grad ihres Engagements oder die Häufigkeit der Kontakte mit den jeweiligen Politiker/innen besagt. Würden sie diese Kontakt-Netzwerke intensiv pflegen, stellte sich die Frage, wann sie eigentlich noch Zeit zum Verfassen ihrer (Leit-)Artikel hätten. Das Buch  „Medienmacht „ könnte – sofern es in seinen Folgerungen umgesetzt wird – ein Weckruf zur kritischen Selbstreflexion sowohl für die Journalismus-Branche wie auch für den gesamten Politikbetrieb werden – und ein Beitrag zu einem  „Mehr „ an Demokratie.

Uwe Krüger: „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalismus – eine kritische Netzwerkanalyse“, Köln 2013, Halem-Verlag, 378 S., 29,50 Euro.