Arbeitszeitverkürzung wieder ein Thema – wichtiger denn je!

Zeichnung: Bernd Bücking. entnommen aus: report 51, Seite 14
Zeichnung: Bernd Bücking. entnommen aus: report 51, Seite 14
Zeichnung: Bernd Bücking. entnommen aus: report 51, Seite 14

Mit dem Modell „Kurze Vollzeit“ geht die IG Metall wieder das Thema „Arbeitszeitverkürzung“ an. Die 3,7 Millionen Metallbeschäftigten könnten dann aus persönlichen Gründen vorübergehend kürzer arbeiten. Dauerhafte Entlastungen – auch durch Arbeitszeitverkürzungen – werden für Schichtarbeiter diskutiert, die am unzufriedensten mit der Dauer und der Lage ihrer Arbeitszeit sind.

Arbeitszeitverkürzung ist wieder ein Thema – für die IG Metall in der Tarifrunde des nächsten Jahres. Das ist das Ergebnis der Arbeitszeitkonferenz der Gewerkschaft, die vor den Sommerferien stattfand. Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie sollen ihre Arbeitszeit auf 28 Wochenstunden reduzieren können – in bestimmten Lebenslagen, mit Lohnausgleich durch die Unternehmen und mit Rückkehrrecht auf Vollzeit. „Kurze Vollzeit“ soll es aus Sicht der IG Metall für Beschäftigte geben, die für Erziehung oder Pflege vorübergehend kürzer arbeiten.

Dies könnte ein erster Schritt sein, um in den nachfolgenden Tarifrunden weitere der Arbeitszeitverkürzung für alle Beschäftigten zu fordern – denn gerade durch die Digitalisierung der Arbeit ist diese Forderung aktueller denn je.

Bei aller Unklarheit über die konkreten Auswirkungen der digitalen Arbeit ist bereits jetzt klar, dass die Technik menschliche Arbeit ersetzen wird. Der Vorstand des Volkswagen-Konzerns Horst Neumann prognostiziert, dass durch die Roboterisierung mittelfristig taktgebundene Arbeit, die etwa die Hälfte der Arbeit in der Produktion ausmacht, wegfällt. Eine viel beachtete Studie von Carl Frey und Michael Osborne untersucht für die USA, ob durch Automatisierung nicht nur Arbeitsplätze in der Produktion betroffen sein könnten, sondern andere Dienstleistungsbereiche darunter fallen. Die Studie ergab, dass 47 Prozent des Beschäftigungsvolumens in den USA in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren stark anfällig sei, durch Maschinen und Computer ersetzt zu werden.

Franz Steinkühler, ehemaliger IG-Metall-Vorsitzender, hat jüngst auf die digitale Verteilungsfrage verwiesen: „Ich denke auch, die Gewerkschaften müssen noch entschiedener und nachhaltiger darauf aufmerksam machen, dass die Politik für diese große Entwicklung der Roboterisierung, der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz verantwortlich ist. Sie begnügt sich bisher damit, das mit Steuermitteln zu fördern, was die Unternehmen sowieso planen und wollen. Mit diesen neuen Techniken, werden sie denn von den Unternehmen tatsächlich flächendeckend angewandt, wird ein enormer Produktivitätsfortschritt einhergehen. Wem gehört der? Den Unternehmern allein? Es kann doch nicht sein, dass die Kapitalseite alle Gewinne einstreicht und Arbeitnehmerschaft und Steuerzahler die Verluste tragen. Diese Verteilungsfrage ist eine politische Frage und keine, die in Tarifkämpfen alleine gelöst werden kann.“

Um sinkendes Arbeitsvolumen zumindest betrieblich etwas auffangen zu können, ist Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich eine passende Antwort.

Aber auch der steigende Leistungsdruck durch die neue Technik ist ein Argument für Verkürzung der Arbeitszeit. Technik kann Arbeitnehmern zur Vorbereitung, Ausführung und Entscheidungsunterstützung der Arbeit dienen – sie kann aber auch den Arbeitnehmern vorgegebene Arbeitsweisen aufzwingen und erfordert  ein hohes Maß an Anpassung. „Der Mensch wird für die Produktion der Zukunft eine große Rolle spielen. Menschen werden mit mobilen Endgeräten, sogenannten Smart Devices, in die Industrie 4.0 eingebunden“, so der Dortmunder Professor Michael ten Hompel. Die Einbindung der Beschäftigten über mobile Endgeräte führt zu einer enormen Verschärfung des Arbeitsdrucks. Jeder Schritt kann überwacht werden, Arbeiter sind – wie beim Versandkonzern Amazon – stets lokalisierbar und so beobachtbar. Auch die Kontrolle der Arbeiter wird verstärkt. Der Technikeinsatz erfordert eher eine Begrenzung der Arbeitszeit, um den Stress nicht weiter auszuweiten.

Aber die ersten Reaktionen der Unternehmensvertreter auf die IG Metall-Forderungen nach „kurzer Vollzeit“ waren unmissverständlich – erwartungsgemäß deutlich negativ: Arndt Kirchhoff, Präsident der Metallarbeitgeber in Nordrhein-Westfalen hält die Vorschläge für „wenig zukunftsweisend“. Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger droht bereits mit Produktionsverlagerungen ins Ausland, „weil die Arbeit hierzulande gar nicht mehr erledigt werden könnte“.

Die Unternehmen machen so deutlich: Arbeitszeitfragen sind immer auch Machtfragen.

Marcus Schwarzbach, Berater für Betriebsräte 

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