Kapitalstöcke der Auslandsinvestitionen stagnieren – aber Produktion wird weiter weltweit internationalisiert

Quelle UNCTAD, https://unctadstat.unctad.org/wds

Mittels Auslandsdirektinvestitionen[1] (foreign direct investment, kurz FDI) bildeten sich transnationale Unternehmen heraus und vollzog sich die wechselseitige kapitalmäßige Durchdringung und Verflechtung der Länder und Regionen. Das transnationale Kapital lagerte sich in allen Ländern ein und wurde dort zum dominierenden ökonomischen Faktor. In diesem Prozess transnationalisierten sich auch die Eigentumsverhältnisse. Deshalb spricht die UNCTAD seit jüngstem auch nicht mehr von Transnationalen, sondern von Multinationalen Unternehmen (MNE).

Grafik 1: FDI (Zufluss in Millionen USD)

Quelle UNCTAD, http://unctadstat.unctad.org/wds
Quelle UNCTAD, http://unctadstat.unctad.org/wds

Seit der Wirtschaftskrise 2008 schwanken die globalen FDI-Flüsse stark, relativ stabil bleiben die Zuflüsse in die Entwicklungsländer. Im Jahr 2016 brachen die globalen FDI-Flüsse nach einer Erholung im Vorjahr mit einem Minus von 13% wieder stark ein (2015: 1.762 Mrd. USD, 2016: 1.525 Mrd. USD). Diesmal schrumpften auch die Zuflüsse in die Entwicklungsländer (-22%). Besonders betroffen ist Europa (-29%), aber auch Südostasien (ohne Japan, Singapore, Hong Kong, Süd Korea und Taiwan) muss mit -22% und Lateinamerika mit -19% herbe Rückgänge hinnehmen. Abkoppeln konnten sich mehrere ‚fortgeschrittene‘ kapitalistische Länder wie Japan, das einen starken FDI-Zufluss verzeichnet (z.B. durch die Übernahme von Sharp durch die taiwanesische Foxconn) und die USA, die mit einem Zufluss von 385 Mrd. USD an der Weltspitze liegen. (Zahlen nach UNCTAD; die ‚Organization for International Investment‘ mit Sitz in Washington vermeldet für die USA einen Zuwachs von 12% von 353 Mrd. im Jahr 2015 auf 396 Mrd. USD im Jahr 2016)

An zweiter Stelle der Empfängerländer liegt Großbritannien (179 Mrd. USD), gefolgt von China, das mit einem FDI-Zufluss in Höhe von 139 Mrd. USD (+ 2,5%) einen neuen Rekord erzielte. Großbritannien sprang vom 12. Platz im Jahr 2015 auf diese Spitzenposition, weil britische Unternehmen zum Objekt von Mega-Übernahmen wurden: Der britische Bierbrauer SABMiller PLC wurde für 101 Mrd. USD vom belgischen Bierimperium Anheuser-Busch Inbev übernommen; der japanische Telekommunikations- und Medienkonzern SoftBank Group legte 32 Mrd. USD für den Kauf derARM Holdings – ein Anbieter von IP-Lösungen im Bereich Mikroprozessoren – auf den Tisch.

Grafik 2: FDI-Stock im Inland (in Millionen USD)

Quelle UNCTAD, http://unctadstat.unctad.org/wds
Quelle UNCTAD, http://unctadstat.unctad.org/wds

Grafik 3: FDI-Stock im Ausland (in Millionen USD)

Quelle UNCTAD, http://unctadstat.unctad.org/wds
Quelle UNCTAD, http://unctadstat.unctad.org/wds

Der stagnierende Kapitalstock im Ausland, bei gleichzeitig stark steigendem Umsatz der Multis drückt den Wandel in der Konzernstrategie zu einer noch flexibleren Betriebsweise aus: ein wachsender Teil der Produktion im Ausland wird nicht mehr von eigenen Töchtern erbracht, sondern von selbstständigen Zulieferern und Auftragsfertigern, die über Verträge an den TNK gebunden sind.

Elefantenhochzeiten

Eine Woge von grenzüberschreitenden Firmenübernahmen (cross-border mergers and acquisitions, M&As) waren der Hauptfaktor bei der globalen Erholung der FDI, konstatiert die UNCTAD. So liegt auch in den USA, wie bei Großbritannien und Japan, die Basis der FDI-Zuflüsse in Firmenübernahmen. Angeführt durch einige Megadeals – so wurde z.B. die Generika-Sparte des US-Pharmazieunternehmen Allergan PLC für 39 Mrd. USD von der israelischen Ratiopharm-Mutter Teva Pharmaceutical Industries Ltd übernommen, der Arzneimittelhersteller Baxalta Inc für 31 Mrd. USD durch die irische Shire PLC – stiegen in den USA im Jahr 2016 die Übernahmen durch ausländische Unternehmen um 17%.

Weltweit nahmen die grenzüberschreitenden Firmenkäufe (Mergers & Acquisitions, kurz M&A) um 13% zu – wenig im Vergleich zu einer Zunahme von 67% bzw. 68% in den Jahren 2014 und 2015.

Quelle: UNCTAD, Global Investment Trends Monitor No. 25, 1. Februar 2017
Quelle: UNCTAD, Global Investment Trends Monitor No. 25, 1. Februar 2017

Grenzüberschreitende Firmenübernahmen stellen nur einen kleinen Teil der Fusionen und Unternehmenskäufe dar, dominierend sind nach wie vor innerstaatliche Übernahmen.

2015 wurden für über 5.000 Mrd. USD Dollar Unternehmen gekauft und verkauft; eine Steigerung von 85% gegenüber 2012. Auf grenzüberschreitende M&As entfielen ’nur‘ 735 Mrd. USD. Fünf Billionen, das ist so viel, wie die Wirtschaftsleistung (BIP) von Deutschland und Italien zusammengenommen. Allein in den USA wurde drei Billionen von den fünf Billionen Dollar für den Kauf von Unternehmen umgesetzt. Von den zehn größten Übernahmen weltweit, wurden sechs inneramerikanisch abgewickelt. Auf Asien entfielen Übernahmen im Wert von knapp 1,5 Billionen Dollar – eine Steigerung von 42% gegenüber dem Vorjahr.

Der Löwenanteil entfällt auf Fusionen v.a. im Zusammenhang mit Industrie 4.0 bzw. ‚Made in China 2025‘, in der Pharma- und in der Agro-Chemieindustrie. Fünf der zwölf kapitalintensivsten Übernahmen börsennotierter Konzerne in 2015 und 2016 fanden im Agrar- und Ernährungsbereich statt. Der Börsenwert der Fusionen im Landwirtschaftssektor übertraf vielfach den in anderen großen Branchen. So war 2015 der Wert der Fusionen von Unternehmen in der Agrar- und Lebensmittelindustrie mit 347 Milliarden Dollar fünf Mal höher als der im Pharma- oder im Ölsektor. Inzwischen kontrollieren lediglich vier Großkonzerne rund 70 Prozent des Welthandels mit Agrarrohstoffen. Drei Konzerne dominieren 50 Prozent des Weltmarkts für Landtechnik. In Deutschland decken vier Supermarktketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels ab.

In diesem Jahr übernimmt der Staatskonzern ChemChina für 43 Mrd. USD den schweizerischen Pestizid- und Saatguthersteller Syngenta. Mit der Übernahme des US-Agro-Chemie-Riesen Monsanto durch die Bayer AG erreicht die Konzentration auf dem Agro-Markt einen neuen Höhepunkt. Bayer steigt zum größten Agrochemie-Konzern der Welt auf. Schlüsselelemente der Nahrungsmittelkette liegen nun in der Hand eines einzigen Konzerns. 66 Mrd. USD legt Bayer für Monsanto auf den Tisch. Dies ist die größte Übernahme, die je ein deutscher Konzern geschmiedet hat. Allerdings, so deutsch ist der Chemieriese Bayer mittlerweile nicht mehr. Nur 20,6 Prozent des Grundkapitals sind in der Hand deutscher Aktionäre. Es dominieren die Shareholder aus dem angelsächsischen Bereich: 27,6 Prozent des Aktienkapitals sind im Portefeuille US-amerikanischer Fonds, weitere 18,9% werden von britischen Institutionellen (teilweise Dependancen von amerikanischen) gehalten. Es handelt sich also weitgehend um eine Verschmelzung von US-Kapital.

Nach diesen Fusionen werden nur drei Konzerne mehr als 60 Prozent des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut und für Pestizide beherrschen. Damit liegt auch das Motiv für diese neue Runde der Elefantenhochzeiten auf dem Tisch: Kauf von zusätzlichen Umsätzen und Marktanteilen. Mit dem Wandel der GVCs zu einem komplexen Netz von selbstständigen Zulieferern, Verkäufern, Dienstleistern aller Art wurde der konzerninterne Aufbau von ausländischen Produktionsstätten zur Seltenheit. Die Neuerrichtung von Produktionsstätten (cross-border greenfield investments) ist „abgestürzt“, schreibt die UNCTAD. Dass greenfield-Projekte überhaupt noch Wachstumsraten ausweisen, liege an einigen wenigen, sehr großen Projekten in einer kleinen Zahl von Ländern, so die UNCTAD (Global Investment Trends Monitor No. 25, 1. Februar 2017)


[1] Investitionen werden in verschiedenen Formen vorgenommen. Auslandsdirektinvestitionen, engl. foreign direct investment (FDI), sind internationale Investitionen, die eine im Wirtschaftsgebiet ansässige Einheit tätigt, um durch langfristige Beteiligung an einem in einem anderen Wirtschaftsgebiet ansässigen Unternehmen im Ausland unternehmerisch tätig zu sein. Langfristige Beteiligung bedeutet, dass eine dauerhafte Beziehung zwischen dem Direktinvestor und dem Unternehmen besteht und dass der Investor einen maßgeblichen Einfluss auf die Geschäftspolitik des Unternehmens ausübt. Die übliche Form einer FDI ist Aufkauf, Fusion oder Beteiligung an einem Unternehmen (cross-border mergers and acquisitions, M&As) oder die Errichtung eines neuen Betriebes (greenfield investments). Nach der offiziellen Definition ist ein Unternehmen Gegenstand einer Direktinvestition, wenn ein Direktinvestor mindestens 10% der Stammaktien oder Stimmrechte (im Fall eines Unternehmens mit eigener Rechtspersönlichkeit) bzw. einen vergleichbaren Anteil (im Fall eines Unternehmens ohne eigene Rechtspersönlichkeit) besitzt. Man unterscheidet: Ausfließende FDI (FDI outflows) = Kapitalanlagen im Ausland; Einfließende FDI (FDI inflows) = Kapitalanlagen des Auslands im Inland. Direktinvestitionsbestände (FDI stock): ebenfalls im Ausland bzw. des Auslands hier zu Lande (FDI outward stock bzw. FDI inward stock).

Eine andere Investitionsform ist die Portfolioinvestition (portfolio investment); meist durch institutionelle Anleger. Im Unterschied zu den Direktinvestitionen steht für die Investoren nicht der kontrollierende Aspekt im Vordergrund, es sind damit auch keine direkten Eigentumsrechte oder Ansprüche auf Vermögensteile wie z.B. Patente begründet. Institutionelle Anleger sind in der Regel nicht an einem strategischen Engagement interessiert, sondern an einer kurzfristigen, schnellen Steigerung des Shareholder Values. Die Steigerung des Börsenkurses und des so genannten Free-Cash-Flow, eines möglichst hohen Jahresergebnisses, stehen im Mittelpunkt. Die durchschnittliche Zeit, in der Institutionelle eine Aktie halten, wird immer kürzer. Im Durchschnitt verkaufen Pensionsfonds und andere Institutionelle 40 Prozent ihrer Aktien bereits wieder innerhalb des ersten Jahres ihres Kaufs. Mit dieser bedingungslosen Shareholder-Values-Orientierung nimmt das kurzfristige und spekulative Moment stark zu. Die Institutionellen mischen sich in der Regel nicht aktiv in das Tagesgeschäft der Unternehmen ein. Sie machen ihren Einfluss über die Entscheidung, Aktien zu kaufen, zu halten oder zu verkaufen gegenüber dem Management – das zudem mit seinen gewinnorientierten Gehältern an Gewinn- und Kursoptimierung gebunden ist – geltend, um möglichst schnell Rendite- und Kursmaximierung zu erreichen.

Dieser Text ist eine Vorarbeit zum isw-Report Nr. 109 „Die Krise des globalen Kapitals – und jetzt wohin?“, der Anfang Juli 2017 erscheinen wird.