25 Jahre isw – die Maulwürfe wühlen weiter

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IMG_5065Ein Vierteljahrhundert Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung galt es am Abend des  28.11.15 im Kulturzentrum Neuperlach zu feiern. Fast 150 Gäste waren der Einladung des Instituts unter dem Motto „25 Jahre isw – 25 Jahre Licht ins Dunkel“ gefolgt und feierten dem Anlass gebührend. Die Gratulanten waren vielfältig, vom Politikwissenschaftler Frank Deppe über den Gewerkschaftsaktivisten Hubert Thiermeyer bis hin zu dem Künstler Konstantin Wecker, war der inhaltliche Anspruch und Auftrag des isw repräsentiert und abgedeckt: Die Verbindung von Wissenschaft mit fortschrittlichen Bewegungen, von Theorie und Praxis. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch den politischen Liedermacher Bernd Köhler und die Akkordeonistin Michaela Dietl.

IMG_5072Den Auftakt setzte der isw-Vorsitzende Conrad Schuhler, der in seiner Rede hervorhob, dass die Gründung des isw 1990 eine Zeichen dagegen war, dass sich die Linke „in die Ritzen des Privaten“ zurückzog und das dies ohne die fleißigen LeserInnen und SpenderInnen niemals möglich gewesen wäre. Durch die vielfältigen Krisen des Kapitalismus musste auch die gesellschaftliche Linke wieder lernen, „dass die Hinwendung zum Privaten (…) zwar fundamental ist, aber in wesentlichen Belangen nicht ausreicht.“ Er hob hervor, dass ein besseres Leben, soziale Gerechtigkeit, demokratische Gestaltung der Gesellschaft nur herzustellen ist, „im Kampf gegen die Eliten und Profiteure des jetzigen neoliberalen Systems der ‚Postdemokratie‘ und der bizarren sozialen und materiellen Ungleichheit.“ Dazu wolle das isw einen wissenschaftlichen Beitrag leisten.

In einem musikalischen Video-Gruß betonte Konstantin Wecker, selbst isw-Förderer, dass es ihm gut tun würde, die eigene Meinung durch die Publikationen des isw bestätigt zu sehen. Vor allem in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung sei eine emphatische Aufklärung vonnöten. Da er sich gerade auf Tour befindet, konnte er persönlich leider nicht teilnehmen.

IMG_5112Der Politikwissenschaftler Frank Deppe hob im Anschluss die Leistungen des isw als ein wichtiger marxistischer „Stützpunkt“ innerhalb der Bundes-republik hervor. Als nach dem Umbruch 1991 die meisten marxistischen universitären Lehrstühle platt gemacht wurden, war es umso wichtiger, dass sich Institute, wie das isw, weiterhin wissenschaftlich mit der Veränderung der Welt beschäftigten. Deshalb seien 25. Jahre isw für ihn ein besonderer Grund zu feiern. Die Stärke des isw liegt für Deppe dabei im „Festhalten an der Fundamentalkritik des Kapitalismus“ in Zusammenklang mit der gleichzeitigen engen Anbindung an die Interessen der GenossInnen und KollegInnen bei praktischen gewerkschaftlichen Tagesauseinandersetzungen in den Betrieben und Verwaltungen. Ein weiteres Verdienst des isw sei die Erneuerung der marxistischen Theorie und Analyse auf der Höhe der Zeit, insbesondere im Zusammenhang mit dem Umbruch des globalen Kapitalismus und der Herausbildung internationaler Kapitalstrukturen.
Auch wenn marxistische Kräfte in der Bundesrepublik derzeit schwach seien, so werde „das Wirken – unterhalb der Oberfläche der geschichtlich-politischen Ereignisse – der widersprüchlichen Entwicklungsdynamik der Kapitalakkumulation selbst, Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ in Form von menschengemachter Geschichte hervorrufen, oder wie Hardt und Negri in ihrem Buch „Empire – Die neue Weltordnung“ in Anlehnung an Marx formulierten:

„Marx versuchte, den fortdauernden proletarischen Kampfzyklus, der Europa im 19 Jahrhundert durchzog, im Bild des Maulwurfs, der seine irdischen Gänge gräbt, zu fassen. Marx‘ Maulwurf käme in Zeiten offener Klassenkonflikte an die Oberfläche, um sich dann wieder in den Untergrund zurückzuziehen – nicht um dort passiv zu überwintern, sondern um seine Tunnel zu graben, um sich mit der Zeit voranzubewegen, mit dem Lauf der Geschichte zu ziehen, um dann, wenn die Zeit reif ist (…), an die Oberfläche zurückzukehren. ‚Brav gewühlt alter Maulwurf!’“ (S. 70)

Dem isw attestierte Deppe dabei, eine besondere Spezies der sehenden – und nicht blinden – Maulwürfe zu sein.

IMG_5152Den engen Zusammenhalt des isw mit den Gewerkschaften machte besonders Hubert Thiermeyer deutlich. Der Leiter des Fachbereichs Handel in Ver.Di Bayern, sowie früherer stellvertretender Vorsitzender des isw, stellte in seiner Rede „die Klarheit im Ziel, die überragende Außenwirkung und die Solidarität der isw Gemeinschaft“ hervor. Dies macht er an zwei Beispielen deutlich. Als beim 8. isw-forum im Jahr 2000 die ReferentInnen aus China nachfragten, wo denn der Institutssitz sei. „Sie dachten, es müsse sich um ein Gebäude für mehrere hundert Menschen handeln, wo sonst könnte solch qualifizierte und engagierte wissenschaftliche Arbeit geleistet werden.“ Das zweite wichtige Ereignis war für Thiermeyer die Klage des Siemens-Konzern gegen die isw-Broschüre „Schöne neue Siemens Welt“ im Jahr 2003. Bei einem Streitwert von 2 Millionen und einer beantragten Strafe von 250.000 €, ersatzweise Ordnungshaft von bis zu 6 Monaten, versuchte der Konzern die Unterstützung der kämpfenden Belegschaft von Siemens Hofmannstraße seitens des isw zu brechen. Nur „eine breite Solidaritätsbewegung (…), eine hervorragende Rechtsvertretung und die starke Gemeinsamkeit konnten den Angriff erfolgreich abwehren.“

Im Anschluss setzte er sich mit neun Thesen zur Zukunft der gewerkschaftlichen Arbeit im Betrieb auseinander, die am besten in der 25. Jubiläums-Ausgabe report 103 „Wege aus dem Kapitalismus“ nachgelesen werden können.

Umrahmt wurde die Veranstaltung von Liedern des politischen Künstlers der Arbeiterbewegung, Bernd Köhler. Die Lieder „A la huelga“ (Auf zum Streik), „Macky Messer“ (Brecht/Eisler) und „Die Gedanken sind frei“ brachten viele der aus dem ganzen Land angereisten Gäste zum mitsingen. Aber auch die über die Stadtgrenzen Münchens weithin bekannte Akkordeonistin Michaela Dietl sprach dem Publikum mit Liedern wie „Brot und Rosen“ und „Incictus“ aus dem Herzen. Der letzte Höhepunkt des Abends bestand aus einem extra für den Anlass komponierten Gedicht „25 Jahre isw“ von Wolfgang Blaschka. Bei einem Glas Wein und einem offenen Buffet, zubereitet von kurdischen GenossInnen, war genug Zeit, sich miteinander auszutauschen, in der Vergangenheit zu schwelgen und in die Zukunft zu blicken.

 

Einig war man sich dabei, dass die Arbeit des isw als sehender Maulwurf fortgeführt werden müsse, um so schnell wie möglich und verjüngt an die Oberfläche der Geschichte zurückzukehren.