Hundt, Rogowski und anderes Volk

Trotzig bekannten 64 Konzern- und Medienbosse, Finanz- und Unternehmensberater garniert mit einer Handvoll hochkarätiger Kulturschaffender: „Auch wir sind das Volk“. Sie riefen jedoch nicht zu Montagsdemonstrationen auf, sondern demonstrierten ihre Meinung zu Hartz IV in hunderttausendfacher Auflage der Süddeutschen Zeitung in einer ganzseitigen Anzeige. Sie hatten Wichtiges mitzuteilen: „…die mit Hartz IV beschlossenen Änderungen in der Arbeitslosen- und Sozialhilfe sind überlebensnotwendig für den Standort Deutschland“. Wahrlich eine Frage des Standortes: Ob man, wie Millionen Langzeitarbeitslose auf der Straße steht oder in den Vorstandsetagen sitzt und jährlich mehr als eine Million Euro abkassiert (siehe Kasten). Für deren Profit- und Shareholder-Value-Strategien ist es nicht gerade „überlebensnotwendig“ aber immerhin belebend, wenn infolge von Hartz „Arbeit billig wie Dreck“ (der Soziologe Afheldt) wird. Da können über Aktienoptionen dann auch die Chefs noch mehr scheffeln. Einen „radikalen Kurswechsel“ fordern die Initiatoren der Anzeige, was nicht ohne „Schmerzen“ und „Einschnitte“ gehe, die „weh tun wie alle schweren Operationen“. Das klingt nach Schlachtfest und Gemetzel und ist im Hinblick auf das Sozialsystem auch so gemeint. Mitunterzeichner und Industriellen-Chef Rogowski fordert an anderer Stelle nicht nur eine „schwere Operation“, sondern gleich eine Total-Amputation des Sozialsystems dergestalt, dass „die Beschäftigten die soziale Sicherung und das Gesundheitssystem selbst bezahlen sollen“. Beweisen er und seine Mitanzeiger doch durch ihr eigenes Beispiel, wie sich mit Eigenvorsorge und ohne paritätische Finanzierung sorgenfrei und sozial gesichert leben lässt. Wer da anderes behauptet, wird in dem Aufruf Volksverführer demaskiert: „Nur Demagogen, die ihre Zukunft hinter sich haben, reden dem Volk nach dem Maul. Ihre Rezepte sind so simpel wie ihre Motive durchsichtig“. “ Mit Medienkampagnen und teuren Anzeigen wie dieser, soll dem Volk, das gegen Hartz IV aufmurrt das Maul gestopft werden. Mit neoliberalen „Rezepten“, die vorwärts in die Suppenküchen des Manchester-Kapitalismus führen. „Simpel“, d.h. einfach ist allerdings die Alternative zum hartzschen Verarmungsgesetz: Würde man den 80 deutschen Milliardären und zehntausenden von Multimillionären vom Schlage der Mitunterzeichner Roland Berger (300 Millionen Euro Vermögen; Rang 216 unter den reichsten Deutschen) oder Arbeitgeber-Präsident Hundt (250 Mio. Euro, Rang 249) nur die Hälfte ihres jährlichen Vermögenszuwachses wegsteuern, hätte das allein im Krisenjahr 2003 70 Milliarden Euro an Vermögensteuer gebracht.

Die Anzeigenunterzeichner versichern „Wir bezahlen unsere Steuern in diesem Land“. Wäre nur hinzuzufügen: „… aber immer weniger“. Zu Neujahr 2005 wenn Millionen Langzeitarbeitslosen Armut ins Haus steht, weil sie entweder gar keine Unterstützung mehr oder eine geringere bekommen, senkt die SPD/Grüne-Bundesregierung den Steuersatz für Spitzenverdiener und Einkommensmillionäre erneut, diesmal um drei Prozentpunkte. Für Mitunterzeichner und Porsche-Boss Wiedeking bedeutet das ein Steuergeschenk von über 240.000 Euro. Insgesamt senkte dann Rot-Grün den Spitzensteuersatz, der jahrzehntelang bei 53 Prozent lag, in anderthalb Legislaturperioden um 11-Prozentpunkte. Für den Porsche-Chef hat das eine jährliche Steuerersparnis von knapp 900.000 Euro zur Folge: Soviel haben 210 AlgII-Empfänger als Regelsatz jährlich zum Leben. Die erneuten Spitzen-Steuergeschenke zwangsfinanzieren die Langzeitarbeitslosen: die Bundesregierung spart durch Hartz IV künftig 3 bis 4 Milliarden Euro an Unterstützungszahlungen ein und steckt sie den Reichen ab 2005 durch die Senkung des Spitzensteuersatzes (Steuerausfall gut 3 Milliarden im Jahr) zu. Verständlich, dass diese „Auch-zum-Volk“-Gehörigen sich schließlich auch politisch outen: „Wer mutig ändert, was geändert werden muss, hat uns auf seiner Seite“… „Deshalb unterstützen wir Bundeskanzler Gerhard Schröder – ungeachtet unserer sonstigen politischen Präferenzen – in einer großen Koalition der Vernunft“. Wahrlich ein sauberes Völkchen und dessen Volksvertreter.

Die Unterzeichner der Anzeige „Auch wir sind das Volk“:

Konzern-/Unternehmensvertreter:

  • Dr. Dieter Hundt, Arbeitgeber-Präsident (BDA), Geschäftsführender Gesellschafter der Allgaier Werke GmbH (Autozulieferer), Aufsichtsrat (AR) Deutsche Telekom; 249. reichster Deutscher (250 Millionen Euro).
  • Dr. Michael Rogowski, BDI-Präsident; Vorsitzender des AR der J.M. Voith AG; AR Talanx (Versicherung), AR Würth GmbH; AR Zeiss AG; Gesamtbezüge: über 1 Mio Euro.
  • Dr. Eberhard Reuther: Ehem. Präsident des Verbandes der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA)

Konzernvorstände, Aufsichtsräte:

  • Gunter Thielen: Vorstandsvorsitzender Bertelsmann AG; Vorstandsbezüge ca. 5 Mio. Euro
  • Dr. Wendelin Wiedeking: Vorstandsvorsitzender Porsche AG; Vorstandsbezüge ca. 8 Millionen Euro; AR Deutsche Telekom
  • Dr. Werner Müller: Wirtschaftsminister a.D.; Vorstandsvorsitzender Ruhrkohle AG; Vorstandsbezüge: ca. 1,6 Mio. Euro
  • Dr. Thomas Middelhoff, AR-Vorsitzender und Chefsanierer KarstadtQuelle („Es geht ums Überleben“, „tiefe Schnitte“, „schmerzhafter Personalabbau“); ehemals Vorstandsvorsitzender Bertelsmann AG (allein daraus mehrere Mio. Euro an Bezügen); Partner der Beteiligungsfirma Investcorp International (tut in Europa Kaufobjekte für arabische Multmillionäre auf)
  • Jürgen Weber: AR-Vorsitzender Deutsche Lufthansa (davor Vorstandsvorsitzender) Bezüge über 1 Mio. Euro; AR Deutsche Bank, AR Bayer, AR Deutsche Post; AR Voith; Beirat RWE
  • Johann C. Lindenberg: Vors. der GF Deutsche Unilever; AR ExxonMobil Dtld.; Bezüge keine Angaben
  • Dr. Michael Frenzel: Vorstandsvorsitzender TUI; Bezüge ca. 3,6 Mio. Euro; AR Continental; AR Deutsche Bahn; AR VW; Beirat RWE
  • Hero Brahms: Ex-Finanzvorstand Linde AG; Bezüge aus früherer Vorstandstätigkeit: über 1 Mio. Euro; AR KarstadtQuelle; AR Deutsche Post
  • Dr. Jürgen Großmann: Geschäftsführender Gesellschafter der Georgsmarienhütte; AR Deutsche Post + weitere 4 AR-Mandate und 4 Beiräte
  • Wilhelm Dietrich Karmann: Karmann-Karosseriebau (Wilhelm Karmann GmbH)
  • Dr. Hans-Peter Keitel: Vorstandsvorsitzender Hochtief; Bezüge ca. 1,2 Mio. Euro
  • Dr. Martin Kohlhaussen: AR-Vorsitzender Commerzbank (ehem. Vorstandsvorsitzender); Bezüge: mehrere Mio. Euro; AR Bayer, AR Holtzbrinck; AR KarstadtQuelle; AR Linde; AR Schering; AR ThyssenKrupp; Beirat RWE
  • Gerd Schulte-Hillen: Ex-AR-Vorsitzender Bertelsmann
  • Dr. Dieter H. Vogel: AR-Vorsitzender Bertelsmann; Ex-Vorstandsvors. Thyssen (allein daraus über 1 Mio. Euro Bezüge); GF Gesellschafter Bessemer, Vogel & Treichl GmbH
  • Harald Eschenlohr: AR Surteco AG + weitere 4 AR-Posten und 3 Beiräte
  • Joachim Fehling: Vors. der Geschäftsführung Ernst Fehling GmbH
  • Detlef Kloß: GF Metallwerke Kloß GmbH
  • Werner Knopf: Knopf Immobilien
  • Dr. Walter Schlebusch: Mitglied der GF Giesecke & Devrient (Gelddruckerei)

Unternehmensberater:

  • Roland Berger: Mitglied der Hartz-Kommission; millionenschwerer Berater-Vertrag für Umbau der Bundesanstalt für Arbeit zur BA; 216. reichster Deutscher (300 Mio. Euro Vermögen)
  • Bernd Schiphorst: Berater-Firma WMP; als Berater von Ex-BA-Chef Gerster in die Schlagzeilen geraten
  • Dr. Wilhelm Friedrich Boyens: Deutschland-Chef der Beraterfirma Egon Zehnder (u.a. Vermittlung von AR- und Vorstandsposten)
  • Peter Amberger: Werbemittel-Service

Medienbosse:

  • Manfred Bissinger: Ehem. Woche-Chefredakteur
  • Wolfgang Kaden: Ex-Chefredakteur Managermagazin
  • Werner Funk: Ex-Chefredakteur von Stern und Spiegel
  • Michael Jürgs: Ex-Chef von Stern und Tempo
  • Klaus Liedtke: Chefredakteur bei Gruner + Jahr
  • Hans Thoma: Ex-Chef von RTL

Wirtschafts-,Steuer- und Vermögensberater

  • Georg Althammer: Fachanwalt für Steuerrecht;
  • Thomas Fischer: Dr. Thomas Fischer & Partner AG („Ihr Partner in allen Finanz- und Steuerfragen“);
  • Walter Klosterfelde: Rechtsberater;
  • Michael Nesselhauf: Schröders Rechtsanwalt;
  • Kurt Wessing: Wirtschaftsanwalt;

Kulturschaffende:

  • Günter Grass: Schriftsteller;
  • Marius Müller-Westernhagen: Sänger;
  • Star-Maler Markus Lüpertz;
  • Jim Rakete: Starfotograf;
  • Hans-Jürgen Flimm: Theaterregisseur und Kulturmanager;
  • Uwe Bremer: Maler und Schriftsteller